Die Kuschelecke – Aus Liebe zum Körper: ein Erfahrungsbericht

von Jay Kaufmann


Fazit

Liebe können wir als heilende Kraft auf verschiedenen Ebenen kultivieren. Metta-Meditation nährt unseren Geist enorm, während der Körper alleine dasitzt. Wir sind dem Körper sehr dankbar und möchten, dass auch er berührt wird. 

Deshalb haben wir eine Kuschelecke bei dem Sylvia Kolk Retreat in Oberlethe 2026 eingerichtet. Im Kontext einer “Open Space”-Gruppe von 4 Menschen haben wir einen gemütlichen Platz an einem zentralen Ort geschaffen, der einladend wirken sollte. Wir haben über die Bedingungen des gelungenen Kuschelns kontempliert, “Richtlinien” formuliert und dann die Ecke kuschelnd eingeweiht.

Durch die Kuschelecke haben wir Aufmerksamkeit für die Körperlichkeit erzeugt. Hoffentlich haben wir den Oxytocinspiegel (Glückshormone) hier und da erhöht. Bestimmt wurde unter den Retreat- Teilnehmenden unterschiedlichste Gefühle und Gedanken ausgelöst; wir freuen uns über individuellen Rückmeldungen:

  • Hast du dich in die Kuschelecke getraut? Was hat dazu geführt, dass du das Angebot angenommen oder ferngeblieben bist?
  • Als du vorbeigelaufen bist, welche Gefühle sind bei dir ausgelöst worden?
  • Was hast du beim Kuscheln erlebt? 

Grundlagen

Außer Judith hatten wir in der Gruppe keine Erfahrung mit “organisiertem Kuscheln”. Trotzdem konnten wir uns im Gespräch relativ schnell auf etliche Prinzipien einigen:

  • Ich komme, gehe und bewege mich wann ich möchte.
  • Bist du als erstes da? Sei mutig und warte auf eine Begegnung.
  • Mit Achtsamkeit und Respekt berühren.
  • Je mehr Kuschelnde, desto schöner.
    (Wir wollten einen inklusiven Platz schaffen, nicht ein Ort wo beste Freund:innen nur untereinander kuscheln.)
  • Keine sexuelle Absichten.
  • Unwohlsein äußern.
  • Lass dich darauf ein. Spreche über die Erfahrung, aber spreche sonst wenig.

Entstehung

Jay berichtet zum Hintergrund der Idee:

“Von Grund auf bin ich introvertiert und zurückhaltend. Ich scheue mich etwas vor körperlichem Kontakt. Ich genieße Meditationsretreats, auch weil ich viel alleine für mich sein kann.

“Ich bin nicht nach Oberlethe mit der Idee einer Kuschelecke gereist. Viele andere Themen hatte ich im Gepäck. Dieser ist aber spontan aus dem Erlebten entstanden — natürlich auch anhand von Ursachen.

“Fünf Wochen vor dem Meditationsretreat in Oberlethe hatte ich berührende Begegnungen auf einem psychedelischen Treffen in den Niederlanden. Die meisten Teilnehmenden waren sehr offen mit Körperlichkeit, es gab viel Kuscheln in verschiedensten Kombinationen, und eine Atmosphäre großer platonischer Liebe und Vertrautheit ist entstanden. Es war eine wichtige Erfahrung, mich auf die Berührungen einzulassen. Ich habe die körperliche Nähe sehr genossen. Gleichzeitig merkte ich, wo ich noch loslassen (und lernen) kann. 

“Als ich dann in Oberlethe starke Metta-Gefühle erlebt habe, kam spontan der Wunsch auf, mit den edlen spirituellen Freund:innen um mich herum Kuscheln zu üben. Ich habe also einen Open Space dazu vorgeschlagen.”

Judith hatte schon zweimal an einer Kuschelgruppe in Süddeutschland teilgenommen: “Ich war damals überrascht gewesen, wie unkompliziert und angenehm das Kuscheln mit ganz fremden Menschen war. Es schien, als ob unsere Körper ein viel  unkomplizierteres und freudiges Verhältnis zu Berührung haben, als angenommen. Es gab dort entsprechende Regeln — die wie unsere waren — aber abgesehen davon, schienen die meisten Teilnehmenden relativ schnell in einen fließenden Zustand zu kommen, der sich gut anfühlte. Daher fand ich Jays Vorschlag gleich richtig gut.” 

Bei der Platzierung wurde diskutiert: Soll die Ecke privat und geschützt geortet werden oder eher exponiert und offen? Das ursprünglich angedachte Sofa lag sehr zentral, direkt neben einer oft benutzten Treppe, zwischen Essensausgabe und Geschirrrückgabe. Wir haben dann eine andere Ecke (um die Ecke) anvisiert — weniger direkt in Sichtlinie des Hauptverkehrs, aber noch zentral.

Da wir aber keine Sofas umziehen konnten, haben wir die Kuschelecke schlussendlich an den ursprünglichen Platz eingerichtet. Jays Eindruck war, dass es für die Kuschelnden nicht unangenehm war. Im Gegenteil hatte diese sehr offene Gestaltung ein Gefühl von “Safe Space” gegeben. Da war nichts zu verbergen, und es präsentierte sich als selbstverständlich. 

Praxis-Anstoß

In Praxen mit Körperarbeit (z.B. SKAN) gibt es bei Gruppen-Sessions neben verschiedenen anderen Punkten auch immer die Einladung, sein Bedürfnis nach Körpernähe oder Körperkontakt auszudrücken.

Erfahrungsgemäß entsteht dabei eine deutlich geerdetere Begegnungsebene als durch Sprache allein. Im Körperkontakt gelingt es den Teilnehmern häufig, aus einer tieferen Ebene ihres Seins heraus zu sprechen, zu reagieren oder sich selbst wahrzunehmen.

Das war auch Judiths Erfahrung bei der Körpertherapie und mit Freundinnen privat (meist aus diesem Kontext), wo Kuscheln zu jeder Begegnung gehört, weil es sich so gut anfühlt und auf einer weiteren Ebene verbindet. Interessant zu beobachten ist, dass das Kuscheln gleich zu Beginn der Begegnung oft eine schöne Tiefe eröffnet, die bei einem Einstieg mit einem Gespräch nicht so selbstverständlich geschieht.

Praxis-Anstoß: Es wäre also mal einen Versuch wert, in Begegnungen mit Menschen, die einem sehr vertraut sind und die man gerne umarmt, kuschelnd auf dem Sofa zu beginnen, ohne gleich  all die wichtigen Dinge auszusprechen, die man im Gepäck hat. Es könnte sich herausstellen, dass im Körperkontakt und Gehaltensein manche Äußerungen gar nicht mehr so wichtig sind, weil man in der Berührung gleich viel entspannter geworden ist.

Offene Fragen

Wie oft wurde die Kuschelecke benutzt und wie viele unterschiedliche Teilnehmende haben sich zeitweise niedergelassen?

Welche Einladungen haben funktioniert und welche haben Unwohlsein erzeugt? (Ich war mir unsicher, wie explizit ich vorbeigehende Leute ansprechen sollte.)

Es würde wohl auf einem Schweigeretreat (bzw. in den ersten drei Tagen dieses Retreats) nicht funktionieren. Wohl auch nicht in den Schweigezeiten, nur während Sprechzeiten? Weil Unwohlsein in der Stille nicht geäußert werden kann?

Welche anderen Erkenntnisse haben Teilnehmende gehabt?

Gerne eure Erfahrungen mitteilen:

Fotos: Jay Kaufmann, Fynn Rettberg