Wenn Freiheit herausgefordert wird!
von Dr. Sylvia Kolk, veröffentlicht in Buddhismus aktuell: 02/2018

Wenn Begriffe in Gewichte angegeben werden könnten, würde ich das Gewicht für Freiheit mit einer Tonne angeben.

Der Begriff Freiheit ist nicht nur inspirierend, er ist existentiell für unser Leben. In Freiheit leben bedeutet, frei von Unterdrückung und Zwang zu existieren. Viele Frauen und Männer haben in der Vergangenheit ihr Leben aufs Spiel gesetzt, so dass wir im Westen diese Freiheit heute erleben dürfen.

Freiheit hat nicht nur etwas mit unseren äußeren, sondern auch mit unseren inneren Bedingungen zu tun. Vor allem der Fähigkeit, aus eigenem Willen Entscheidungen treffen zu können. Das wiederum bedeutet, dass wir nachdenken müssen, um uns entscheiden und diese Entscheidungen verantworten zu können.

Freiheit und Verantwortung

Wir erleben Freiheit – äußere wie innere - nicht einfach so, sondern wir müssen etwas dafür tun. Freiheit erfordert, dass wir uns auf einen unentwegten Orientierungs- und Entscheidungsprozess einlassen. Genau diese Erfahrungen machen wir heute in Europa. Die gewonnene Freiheit ist kein Status quo. Ebenso wenig wie errungene Einsichten oder spirituelle Fortschritte auf unserem buddhistischen Weg.

Dieses Ringen um Verantwortung kann uns schnell überfordern und es erscheint manchmal hilfreicher, aus der Selbstbestimmung und Selbstverantwortung auszusteigen und sich einer Idee oder einem Experten anzuvertrauen, die uns das abnehmen. Auch das erleben wir in allen Bereichen unseres Lebens. Wann ist das klug? "Angebote zur Regression wirken entlastend, Freiheitsangebote belastend" schreibt Harald Welzer.

Dieses Spannungsfeld Freiheit-Verantwortung und das Einlassen auf das Prozesshafte fordern uns auf dem buddhistischen Weg heraus. Der Weisheitslehre des Buddhas zufolge währt nichts ewig, weder ein körperliches und noch ein geistiges Phänomen ewig. Die größte Freiheit erfahren wir im bewussten Erleben des Prozesshaften. So haben wir eine Chance, mit Übergangen freier und bewusster umzugehen, einschließlich der Unsicherheiten, die sie auslösen.

Wenn Freiheit bedroht und herausgefordert wird

Wir leben unverkennbar in einer Zeit der Umbrüche und Herausforderungen. Das schließt alle gesellschaftlichen Bereiche mit ein, wie Umwelt, Wirtschaft, Digitalität, Kultur und Politik. Die Themen sind nicht neu. Die Brisanz schon.
Viele von uns empfinden eine neue Art der Verantwortung und besinnen sich auf eine mögliche Mitwirkung bei einer Umgestaltung unserer Gesellschaft.

  • Reicht es zu sagen: indem ich mich verändere, verändere ich die Welt?
  • Wie inspirieren radikale Veränderungen gesellschaftlicher Prozesse meine spirituelle Ausrichtung?
  • Besteht in einer westlich narzisstisch geprägten Gesellschaft eine Tendenz, bei der Selbstverwirklichung stehen zu bleiben?
  • Wie kann Bewusstseinsarbeit zu einer Umgestaltung von Gesellschaft beitragen?

So zu fragen erfordert weit mehr, als nur zu wissen, wer ich bin. Es bedeutet bereit zu sein unsere spirituelle Praxis zu beleben und neu auszurichten.
Wir sind mit einer Bewusstheit ausgestattet, die es uns ermöglicht, uns selbst zu erkennen. Wir können dem Geist zuschauen, wie er mittels dieser Bewusstheit arbeitet. Wir können in diesem geistigen Prozess – indem wir nach innen schauen - Zusammenhänge und Bedingtheiten erkennen.

Wir können es gleichermaßen tun, indem wir uns als Teil eines größeren Organismus begreifen und so die Zusammenhänge erkennen. Also nach außen schauend.

Viele von uns spüren ein Bedürfnis, diese Bewusstheit einer Welt, zur Verfügung zu stellen, die genau diese Bewusstheit braucht. Eine Bewusstheit, die sich nicht egozentrisch, sondern im Wissen nicht aufzulösender Abhängigkeit aufmacht, dem Frieden, der Freiheit und der Liebe zu dienen. Weniger pathetisch ausgedrückt: offen und anteilnehmend gegenwärtig zu sein und bereit, sich zu engagieren.

Trend zur Tiefe

Unser Geist braucht in dieser sich auflösenden Welt ein Obdach. Sonst verlieren wir die Orientierung und greifen auf fundamentalistische Anschauungen zurück. Das ist, was das Geistestraining, die Bewusstseinsarbeit auf der Basis der buddhistischen Lehre uns zu geben vermag: nicht mehr geistig verloren zu sein, geistig obdachlos.

Der Geist ist orientiert, wenn sich Herz, Körper und Geist wieder verbinden. Ein erster, entscheidender Schritt. So sind wir weniger manipulierbar.

Wir leben in einer Zeit, die nach Vertiefung ruft. Wir brauchen ein Interesse und eine Lust daran, wieder tiefer nachzudenken.

  • Was geschieht durch die digitale Transformation mit uns und unserer Gesellschaft?
  • Wie können wir uns dem Schmerz in und an dieser Welt, die Menschen verursachen, öffnen ohne zu verbittern oder abzustumpfen
  • Wie kann der hohe Wert des Privateigentums ersetzt werden durch einen verantwortlichen Umgang mit den Ressourcen?

Wir wissen, schnelle Antworten sind durchaus gefährlich. Wir brauchen eine Offenheit des Geistes, der sich dem Nicht-Wissen öffnen kann und nicht nach schnellen Lösungen ruft.

Das was die Welt braucht, geht schon lange über die Praxis z.B. individuellen nachhaltigen Konsumierens hinaus. Es bedarf eines grundlegenden friedlichen Wandels im Denken und Handeln, so dass es nicht mehr um Wachstum geht, was ja nur für einen kleinen Teil der Menschheit gilt, während andere so wenig haben, das es nicht für das Überleben ausreicht.

Wie denkst du über die Zukunft? Entscheidest du dich für die Möglichkeit einer gesellschaftlichen Transformation, dann müssten die Alternativen im Keim jetzt schon erkennbar sein. Vermutlich genau da, wo wir nicht mehr nur um uns selbst kreisen, nicht nur vom Wachstum-Denken infiziert sind. Es gibt weltweit unzählige Akteure, Protagonisten, Kulturschaffende, Unternehmen etc. die sich genau dieser Aufgabe verschreiben.

Übergangsphasen sind dadurch gekennzeichnet, dass das Alte und Neue eine Weile nebeneinander- und miteinander verschränkt verläuft, wie bei der Nähmaschine Ober- und Unterfaden. So erleben wir heut einerseits mehr Empathie und Miteinander und gleichzeitig mehr Ignoranz und Gewaltbereitschaft. Und das wird vermutlich noch eine Weile andauern.

Hilflosigkeit und Angst überwinden

Um uns berühren zu lassen brauchen wir ein Gefühl, das wir auch etwas tun können. Ohnmachtsgefühle kennen wir alle, angesichts der immer komplexer werdenden Welt, der kaum auszuhaltenden weltweiten sozialen Ungerechtigkeit und der Konzentration von Reichtum und Macht auf ein paar Wenige. Nur wenn wir uns handlungsmächtig fühlen, können wir die Welt mehr einlassen.

Wir sind zwar einem Gewohnheitsdenken und gewissen Strategieen im Umgang mit Konflikten unterworfen, können aber diese durch tiefere Einsicht auflösen. Es macht einen riesigen Unterschied, ob wir uns als verbunden oder getrennt wahrnehmen, als Opfer der Verhältnisse oder als einen kreativen Menschen.

Sind wir bereit, unsere Zwanghaftigkeit im Denken, unsere Bequemlichkeit und unsere Getriebenheit infrage zu stellen, dann haben wir alle Voraussetzungen, um gegenwärtig zu sein und damit auch kreativ. So gewinnt unsere Zukunft - nicht nur die persönliche - an Offenheit!

Ermutigung zur Vision und Kreativität

Alternativlosigkeit, Angst vor Veränderung und dem Fremden brauchen Aufklärung und Mut zum Dialog. Daher können wir etwas tun, indem wir z.B. Vertrauensräume gestalten, in denen wir Dialogfähigkeit kultivieren, Querdenkerinnen beim Denken zuschauen und einander zuhören. Indem wir wir uns über unsere Wahrnehmungen, Ängste, Kenntnisse und Visionen austauschen, müssen wir den historischen, technischen, politischen und ökonomischen Wandel nicht nur passiv erleiden müssen.

Wir werden uns engagieren müssen und lernen, offene Auseinandersetzungen mit anderen in ihrer Andersartigkeit zu führen, durchaus auch strittige. Die Basis ist Toleranz und die endet, wo Menschenrechte verletzt werden. So sind wir geschützt vor Zynismus oder Apathie und davor unsere Lebensenergie zu verschleudern. Der Ausgang bleibt unklar und ist nicht kontrollierbar. Aber wir können unseren Enkeln sagen: wir haben es versucht... und wenn es nur ein Flügelschlag war!

 

Dr. Sylvia Kolk
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